{"id":713,"date":"2025-05-04T13:08:04","date_gmt":"2025-05-04T13:08:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.alsdorfer-geschichtsverein.de\/blog\/?p=713"},"modified":"2025-08-31T19:23:10","modified_gmt":"2025-08-31T17:23:10","slug":"zwangsarbeit-im-iii-reich-allgemein-und-insbesondere-im-bergbau-unserer-region","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alsdorfer-geschichtsverein.de\/blog\/?p=713","title":{"rendered":"Zwangsarbeit im III. Reich \u2013 allgemein und insbesondere im Bergbau unserer Region"},"content":{"rendered":"\n<p>Vortrag von R\u00fcdiger Verm\u00f6hlen vor dem Alsdorfer Geschichtsverein am 16.05.2024<br \/>Kompetenter Referent f\u00fcr schwierige Themen: R\u00fcdiger Verm\u00f6hlen im Ratssaal der Stadt Alsdorf<\/p>\n\n\n\n<p>Ein heikles Thema ist es, das R\u00fcdiger Verm\u00f6hlen aufgearbeitet und bereits mehrfach pr\u00e4sentiert hat und zu dem der Alsdorfer Geschichtsverein und die Volkshochschule Nordkreis Aachen eingeladen haben. Mehrere Millionen Zwangsarbeiter kamen w\u00e4hrend des zweiten Weltkrieges in Deutschland zum Einsatz, zu einem Gro\u00dfteil unter menschenunw\u00fcrdigen Bedingungen, was bei einer so gro\u00dfen Anzahl von Fremdarbeitern nicht verborgen geblieben sein kann und trotzdem bis heute kaum Beachtung findet. Ein schwieriges, ein heikles Thema f\u00fcr einen sachlichen und notwendigen Vortrag! <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.alsdorfer-geschichtsverein.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/grafik.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"605\" height=\"384\" src=\"https:\/\/www.alsdorfer-geschichtsverein.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/grafik.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-714\" style=\"width:840px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/www.alsdorfer-geschichtsverein.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/grafik.png 605w, https:\/\/www.alsdorfer-geschichtsverein.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/grafik-420x267.png 420w\" sizes=\"auto, (max-width: 605px) 100vw, 605px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Kompetenter Referent f\u00fcr schwierige Themen: R\u00fcdiger Verm\u00f6hlen im Ratssaal der Stadt Alsdorf (Foto FJM\u00fcller) <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>mit vielen Kesselschlachten f\u00fchrte zu einer hohen Zahl russischer Kriegsgefangener: Mehr als 5,3 Millionen sowjetische Soldaten gerieten in Kriegsgefangenschaft (unter Gewahrsam der Wehrmacht). Mehr als die H\u00e4lfte von ihnen wurde erschossen, verhungerte oder starb an den Folgen unmenschlicher Zwangsarbeit. Verm\u00f6hlen zeigte den Weg der Kriegsgefangenen auf: Von den Todesm\u00e4rschen in die russischen Sammel- und Durchgangslager der Wehrmacht, die dortige Selektion und in der Regel sofortige Ermordung von Juden und Politoffizieren, der Weitertransport in offenen G\u00fcterwagen \u2013 auch im russischen Winter \u2013 in das \u201eReich\u201c, in Lager, in denen sie in selbstgegrabenen Erdl\u00f6chern hausen mussten, bis sie selbst die Lagerbaracken errichtet hatten \u2013 ein nicht enden wollender Leidensweg.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Verpflegung war so knapp bemessen \u2013 wenn es \u00fcberhaupt eine Verpflegung gab \u2013, dass der langsame Hungertod bewusst und planm\u00e4\u00dfig in Kauf genommen wurde. Eines der vielen ersch\u00fctternden &nbsp;Bilder des Vortrags zeigt ausgemergelte Personen hinter Stacheldraht vor kahlen, sterbenden B\u00e4umen in der Sommersonne.&nbsp; Mit der Baumrinde, den Bl\u00e4ttern und den Zweigen hatten die Kriegsgefangenen offensichtlich versucht, ihren Hunger zu stillen. Furchtbare Frucht einer menschenverachtenden Ideologie, die dem \u201ebolschewistischen Soldaten jeden Anspruch auf Behandlung als ehrenhafter Soldat und nach dem Genfer Abkommen\u201c aberkannte. Mit drei von Verm\u00f6hlen im Detail vorgestellten, ausdr\u00fccklich als \u201everbrecherisch\u201c zu wertenden Befehlen (Kriegsgerichtsbarkeitserlass, Richtlinien f\u00fcr das Verhalten der Truppe in Russland, Kommissarbefehl) wurden sowjetische Soldaten und Zivilisten zu rechtlosem Freiwild erkl\u00e4rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Russlandfeldzug endete nicht wie geplant vor dem Wintereinbruch. Daher konnten die einberufenen deutschen Soldaten nicht an ihre Arbeitspl\u00e4tze zur\u00fcckkehren, es mussten sogar noch weitere Soldaten eingezogen werden. Die fehlenden Arbeitskr\u00e4fte sollten durch Kriegsgefangene, insbesondere sowjetische Kriegsgefangene ersetzt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>So gelangten seit Ende 1941 sowjetische Kriegsgefangene \u00fcber die Lager Senne und Arnoldsweiler (Stalag VI H) in das Wurmrevier. Auf der Grube Adolph und der Grube Anna II werden Zwangsarbeiterlager f\u00fcr die als &#8222;Arbeitskommando\u201c bezeichneten Gruppen von Kriegsgefangenen errichtet, ebenso auf der im Aufbau befindlichen Grube Emil-Mayrisch. Sie werden in Holzbaracken untergebracht, wie sie auch in den Konzentrationslagern errichtet werden. Die \u201eUnterbringung\u201c ist r\u00e4umlich extrem beengt, 1,6 qm pro Person \u2013 mehr Platz ist es nicht. Und zur Leistungssteigerung der kranken und ausgehungerten Gefangenen wurden zumindest in geringf\u00fcgigem Umfang, aber bei weitem nicht in dem f\u00fcr die schwere Bergwerksarbeit ausreichendem Ma\u00dfe Nahrungsmitteln gestellt, z. B. das sogenannte \u201eRussenbrot\u201c, eine Mischung aus 50% Roggenbrot, 20% Zuckerr\u00fcbenschitzel, 20% Zellmehl und 10% Laub.<\/p>\n\n\n\n<p>Entkr\u00e4ftete und arbeitsunf\u00e4hige Zwangsarbeiter wurden in die Stalags, dh nach Arnoldsweiler zur\u00fcckverlegt, wer auf der Zeche oder vor Ort verstarb, wurde auf dem \u00f6rtlichen Friedhof, \u201eunauff\u00e4llig und schlicht\u201c, abgetrennt und abseits von den anderen Gr\u00e4bern verscharrt. Und alles wurde b\u00fcrokratisch verzeichnet: Erfassung in Personalkarteien (Personalkarte 1) sowie in den Anlege- und Abgangsb\u00fcchern der Zechen und Betriebe, in den Abrechnungen f\u00fcr den Einsatz von Zwangsarbeitern und dem Verzeichnis der Todesf\u00e4lle auf den Standes\u00e4mtern.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier liegt das Verdienst von Verm\u00f6hlens Arbeit: Er hat die erhaltenen Anlege- und Abgangsb\u00fccher der Zeche Adolph in m\u00fchevoller Kleinarbeit \u00fcbertragen und die Namen und Daten der dort eingesetzten Zwangsarbeiter ermittelt, erfasst und ausgewertet. Die Auswertung erfolgte durch Abgleich mit anderen Datenbest\u00e4nden, insbesondere dem Archiv des Projekts \u201eOBD Memorial\u201c des Russischen Verteidgungsministeriums. So konnte R\u00fcdiger Verm\u00f6hlen nicht nur eine Namensliste von 1.053 sowjetischen Zwangsarbeitern des Arbeitskommandos 133 erstellen, sondern insbesondere die Einzelschicksale der auf dem Friedhof \u201eLange Hecke\u201c in Merkstein begrabenen und anderer Zwangsarbeiter dokumentieren. Es wurden in dem Vortag u.a. vorgestellt:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Alexej Nefedow \u2013 Gefangener 326\/47025 im Arbeitskommando 133, 1909 geboren, Traktorf\u00fchrer, meldete sich freiwillig zur sowj. Armee, Einsatz als Panzerfahrer, geriet am 14.5.1942 bei Kertsch in Gefangenschaft, am 3. August als \u00dcbertagearbeiter auf Grube Adolph \u201eangelegt\u201c, starb er laut Totenschein des Standesamts Merkstein am 1. September 1942 an einem Herzinfarkt;<\/li>\n\n\n\n<li>oder Andrej Gnatjuk, 1918 geboren, geriet am 17. Mai 1942 ebenfalls bei Kertsch in Gefangenschaft, wurde als \u201eSchlepper\u201c am 18.Juli 1942 in Merkstein erfasst. Nach einem Fluchtversuch am 3. September verstarb er am 8. September, Todesursache: Selbstmord durch Erh\u00e4ngen;<\/li>\n\n\n\n<li>als weitere Person Gregorij Donskoj, am 17. Mai 1942 bei Kertsch in Gefangenschaft, von K\u00f6ln Ende 1943 auf Grube Maria I verlegt, aufgrund seines schlechten Gesundheitszustandes in die Sanit\u00e4tsabteilung verlegt und als Dolmetscher t\u00e4tig, nach Kriegsende von einem russischen Kriegsgericht zu 15 Jahren Zwangsarbeit in Ajac-Jaginsk (Polarkreis) verurteilt.\u00a0<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Seinem Bericht und den Einzelschicksalen stellte der Referent die Aussagen des damaligen Bergwerkdirektors der Grube Anna, Assessor G\u00fcnther Venn, gegen\u00fcber, die er aus dessen Vortrag in den Jahresbl\u00e4ttern 1984 des Alsdorfer Geschichtsverein zitierte (\u201eUnsere F\u00fcrsorge f\u00fcr die Gefangenen und die gute Organisation haben bewirkt, dass unsere Grubenleistung w\u00e4hrend des ganzen Krieges nicht abgefallen ist \u2026\u201c).<\/p>\n\n\n\n<p>Und es h\u00e4tte noch schlimmer kommen k\u00f6nnen, so zeigt Verm\u00f6hlen am Bespiel der Zeche Gottes Segen in Dortmund auf: Der s\u00fcdwestf\u00e4lische NSdAP-Gauleiter Albert Hoffmann habe im M\u00e4rz 1945 (!) befohlen, 7000 Kriegsgefangene und 23 000 Fremdarbeiter auf die untersten Sohlen der Gruben \u201eGottessegen\u201c und \u201eHansemann\u201c zu schaffen, um sie dort einzumauern und zu t\u00f6ten. Die Grubenleitung konnte dies mit dem Hinweis auf die tats\u00e4chliche Undurchf\u00fchrbarkeit und die Bedeutung des Erhalts der Zechen verhindern: \u201eGottessegen\u201c war die einzige Zeche, die im Ruhrgebiet noch Kohle f\u00fcr Wasserwerke, Kraftwerke und Krankenh\u00e4user f\u00f6rderte (Dazu: <a href=\"https:\/\/www.waz.de\/wochenende\/article11698049\/nazis-wollten-30-000-fremdarbeiter-im-schacht-einmauern.html\">Nazis wollten 30.000 Fremdarbeiter im Schacht einmauern (waz.de)<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p>Alles in allem ein guter, fundierter, sachlicher, umfassender und auch engagierter Vortrag zu einem wichtigen Thema von R\u00fcdiger Verm\u00f6hlen, der unbedingt weiter zu empfehlen ist! Einem interessierten Lehrer aus dem Zuh\u00f6rerkreis hat R\u00fcdiger Verm\u00f6hlen spontan und gerne seinen Vortrag f\u00fcr dessen Schule zugesagt. Zur Vertiefung:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Verm\u00f6hlens grundlegende Arbeit steht im Internet als PDF mit dem Titel <strong>\u201eDas Schicksal sowjetischer Kriegsgefangener im Arbeitskommando 133<\/strong>\u201c, 2. Auflage 2022, PDF-Fassung der Untersuchung \u00fcber Zwangsarbeiter auf Grube Adolf von R\u00fcdiger Verm\u00f6hlen zur Verf\u00fcgung und kann abgerufen werden unter: <a href=\"https:\/\/www.maasvoll.de\/wurmrevier\/fremdarbeiter\/\">Zwangs- oder \u201eFremd\u201c-arbeiter im Wurmrevier &#8211; maasvoll.de<\/a>;<\/li>\n\n\n\n<li>\u201eEinsatzf\u00e4hig f\u00fcr schwere Arbeit (Stufe I)\u201c hei\u00dft die 70 Seiten starke, <strong>bebilderte<\/strong> Printausgabe, die der Referent und Autor gerne zur Verf\u00fcgung stellt (Schutzgeb\u00fchr 5,00 Euro).<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>FJM<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vortrag von R\u00fcdiger Verm\u00f6hlen vor dem Alsdorfer Geschichtsverein<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":716,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-713","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelles","has_thumb"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.alsdorfer-geschichtsverein.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/713","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.alsdorfer-geschichtsverein.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.alsdorfer-geschichtsverein.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alsdorfer-geschichtsverein.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alsdorfer-geschichtsverein.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=713"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.alsdorfer-geschichtsverein.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/713\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":801,"href":"https:\/\/www.alsdorfer-geschichtsverein.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/713\/revisions\/801"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alsdorfer-geschichtsverein.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/716"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.alsdorfer-geschichtsverein.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=713"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alsdorfer-geschichtsverein.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=713"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alsdorfer-geschichtsverein.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=713"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}